Zu Fuß rund um Deutschland
Etappe Straßburg-Colmar


Im nasskalten Mai 2019 setzte ich meine Wanderung rund um Deutschland fort. Ich begann, wo ich im Jahr zuvor endete: in Straßburg.


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Wieder sah ich das Münster nur aus der Ferne. Stadtbummel mit Marschgepäck kostet zu viel Kraft.

Der Mann am Info-Schalter im Hauptbahnhof erklärte sich für unzuständig, wenn jemand – also ein Fernwanderer wie ich - die Stadtgrenze zu Fuß überschreiten will. Meinen Radweg am  Canal de la Bruche entlang Richtung Vogesen kannte er nicht. Tipp: Vom Bahnhof wenige Hundert Meter südöstlich zum Ill-Ufer, bis der Ill-Radweg auf den Kanal trifft. Hinterher ist man oft klüger. Auf Info-Points sollte man sich nie verlassen. Dazu später mehr.


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Irgendwie schaffte ich es dann duch die Vororte doch zum Canal de la Bruche, der bei Soultz-les-Bains an Molsheim vorbeiführt. 1782 verkehrten hier bis zu bis zu 950 Schiffe. 1938 war Schluss. In Molsheim, die alten Bischofsstadt und Wiege der Bugatti Sportwagen, traf ich endlich auf den  Radweg der elsässichen Weinstraße (Route de Vin). Das ist auch zu Fuß die sinnvollste Route am Osthang der Vogesen durch den Süden des Elsass.   

 

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Bei Kolbsheim übernachtete ich am Canal de la Bruche.


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Noch herrschte Sonnenschein.


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Bilderbuchwetter! Quod erat demonstrandum.


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Rennradler fegten an mir vorbei.


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Der Canal de la Bruche (links) trifft  die aus den Vogesen kommende Bruche.


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Ehemalige Schleuse am Canal de la Bruche.

 

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Jakobswegpilger auf dem Weg zur Tränenkapelle auf dem Mont Saint-Odilé, wie sie mir am nächsten Tag in Rosheim erzählten.


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Auf dem Weg nach Molsheim ...

 

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… mit Blick auf die Vogesen. Molsheim liegt etwa 30 Kilometer westlich von Straßburg und zehn Kilometer nördlich von Obernai. Die Stadt war ein Zentrum der Rekatholisierung des Elsass durch die Niederlassungen der Jesuiten.


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Dorlisheim südlich der Kernnstadt Molsheim wurde durch den Automobilhersteller Ettore Bugatti (1881–1947) bekannt, der hier von 1910 seine Fabrik hatte. Von 2005 bis 2011 wurden dort von der zum Volkswagenkonzern gehörenden Bugatti Automobiles S.A.S exklusive Sportwagen in kleinen Stückzahlen hergestellt. Der unscheinbare Ort zog sich endlos. Hinter der Schnellstraße begannen Spargel- und Weinfelder. Erste Tropfen kündigten den erwarteten Wetterumschwung an. In der Dämmerung baute ich auf einem Grünstreifen im Schutz eines Baumes mein Tarp auf. Einfach war das nicht. Die dünne Nylon-Haut flatterte im starken Wind, die Erndnägel waren in der Dunkelheit und dem hohen Gras kaum zu sehen. In den trockenen Boden wollten sie auch nicht.

Am frühen Morgen weckten mich freundliche Spargelbauern, die frischen Spargel für den Markt stachen..


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Blick hinunter zum Oberrheingraben.


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Blick Richtung Vogesen vom Elsässer Wein-Radweg vor Rosheim.


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Rosheim. Von 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörte auch Rosheim als Teil des Reichslandes Elsass-Lothringen zum Deutschen Reich. Die politischen Grenzen, die das Elsass definieren, haben sich im Verlauf seiner Geschichte mehrfach geändert. Seit dem 17. Jahrhundert wechselte das Elsass mehrmals die politische Zugehörigkeit zwischen dem Heiligen Römischen Reich bzw. Deutschen Reich und Frankreich. Seit dem Frühmittelalter sind im Elsass germanische Mundarten beheimatet. Sie werden heute unter dem Begriff „Elsässisch“ zusammengefasst. Im Verlauf meiner Wanderung werde ich auf den Elsässische Dichterweg treffen. Zur Kostprobe ein Kurzgedicht von Lilliane Bertolini (Colmar 1952):

„scham dich! / im versteck / hesch g'redt / im hain / hinter d'r heck / daheim / unter d'r deck / hesch mich g'nannt / „min harzala / min misala / min lisala“ / awwer drussa

uf d'r stroß / bisch dü gsìì / wia lütlos / stumm / vo unsra sproch / un hesch mich gefrojt: / „mademoiselle, / parlez-vous francais?“

Das Französische gewann zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert sukzessive an Gewicht. Die französische Sprachpolitik zwischen 1918 und 1940 war streng gegen die deutsche Sprache bzw. den elsässischen Dialekt ausgerichtet. Die französische Sprache wurde als verbindliche Amts- und Schulsprache eingeführt. Während der Besetzung durch das nationalsozialistische Regime Deutschlands zwischen 1940 und 1944 erlebte das Elsass erneut eine Steigerung an restriktiver Sprachpolitik. Diese war rücksichtslos an die NS-Ideologie angepasst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Französisch zur Verkehrs-, Amts- und Schulsprache. Kenntnisse bzw. vor allem aktiver Gebrauch der autochthonen alemannischen oder fränkischen Dialekte (zusammengefasst im Begriff Elsässisch) oder des Standarddeutschen sind daher stark rückläufig und zunehmend auf die ältere Generation beschränkt. Wie das in Straßburg ansässige Office pour la Langue et Culture d’Alsace (OLCA, „Amt für Sprache und Kultur im Elsass“) angibt, bezeichneten sich 2013 noch 43 % (2001: 61 %, 1997: 63 %) der Befragten einer Studie als „dialektsprachig“ (dialectophone) – das entspräche etwa 800.000 Einwohnern.


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Obernai liegt am Fuß des Odilienbergs (Mont Sainte-Odile). Der Odilienberg ist heute der bedeutendste Wallfahrtsort im Elsass.

Die Bewohner von Obernai nennen den Ort Ewer'nahn, jedoch sind weitere elsässische Bezeichnungen wie Ewer'nah, Ower'nah, Ower'nahn oder (in Straßburg) Ower'näh bekannt. Der Neckname für die Einwohner lautet Zanefbieche (deutsch „Senfbäuche“).

Obernais neugotische Kirche Saints-Pierre-et-Paul (im Bild) wurde 1867–1872 errichtet und ist eines der größten neugotischen Gotteshäuser im gesamten Elsass.


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Vogesen hinter Obernai. Gegen das, was sich hier vor den Vogesen zusammenbraute, half kein Regenschirm.


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Q.e.d.: Wolkenbruch hinter Obernai.


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Unter der Brücke wurde es bald eng. Und trocken blieb es auch nicht. Im Bild: Multifunktionswerkzeug. Ohnehin hatte ich Badeschlappen dabei.


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In Goxwiller mietete mich kostenneutral im Unterstand der Boule-Spieler*innen ein. Nachts weckten sie mich und fragten besorgt nach meinem Befinden. Im Schein der Taschenlampe murmelte ich nicht unbedingt wahrheitsgemäß „Très bon!“ Nun ja: Immerhin lag ich im Trockenen. Und das war sehr gut. Am frühen Morgen traf ich auf der – erfolglosen – Suche nach dem Friedhof (Wasserloch) auf diese alte Weinpresse. Wasser gab es für den Rest des Tages reichlich: von oben.


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Ziemlich alte Butze in Goxwiller. Pitoresk!

 

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Vogesenblick hinter Goxwiller.


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Wasserwanderer Guido Block-Künzler.

 

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Rad-Wegweiser hinter Goxwiller. Die Elsässer Weinstraße (französisch Route des Vins d'Alsace) ist eine der ältesten Touristenstraßen in Frankreich. Sie wurde 1953 auf den Osthängen der Vogesen eingerichtet. Parallel zur elsässischen Weinstraße, schlängelt der Radweg teilweise auf stillgelegten Bahntrassen, Abschnitten der ehemaligen Römerstraße und durch ruhige Weinberge.


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Regen für die Riesling-Reben.

 

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An diesem Tag ruhte sich die Sonne aus.


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Jedenfalls kam ich nicht ins Schwitzen!


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Da irgendwo muss der Odilienberg (Mont Sainte-Odile) sein - das Ziel der Pilgerer vom Canal de la Bruche. Sie sitzen jetzt sicher bei einem Gläschen Wein am offenen Kamin.


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In Mittelbergheim liegt die Alsace Grand Cru-Lage Zotzenberg. Hier wird ein im Elsass so genanntes Weinschlagbuch, in dem die Weinpreise und die Bedingungen des Weinbaus eingetragen werden, lückenlos seit 1456 geführt.


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Typischer Winzerhof in Mittelbergheim.

 

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Blick durch die Weinberge nach Eichhoffen.


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Blick von Süden auf Andlau.

 

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Blick auf den Oberrheingraben hinter Andlau.


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Weinberge bei Andlau.


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Genießen Sie dieses Photo. Es ist das letzte Bild von meiner Elsass-Tour. Selbst der alte Trick mit den Akkus in den Hosentaschen funktionierte nicht.


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In Colmar war vorerst Endstation. Nachdem mich die freundliche aber leider völlig unwissende Dame vom Tourismusinfo sehr selbstbewusst durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet zu einer nicht vorhandenen Brücke schickte, gab ich meinen Plan auf, über die Radroute am Canal du Colmar via Breisach zumindest bis Freiburg zu kommen. Von dort wollte ich den Wiiwegli durch das Markgräfler Land nach Basel laufen. Statt dessen schleppte ich mich mit letzter Kraft zum weit außerhalb des Zentrums liegenden Bahnhof. Immerhin kam ich noch vor Mitternacht an. Allerdings musste ich feststellen, dass die Züge nur in drei Richtungen fahren. Meine war nicht dabei. Auf dem menschenleeren Bahnhofsvorplatz fand ich schließlich den Bussteig Richtung Breisach. Todmüde schlief ich ein. In Breisach gab es Schinenersatzverkehr. Dies bedeutete für mich: Übernächtigt, mit Rucksack stehend in einem hoffnungslos überfüllten Gelenkbus durch den Kaiserstuhl geschleudert zu werden. Bei dieser Gelegenheit stellte ich fest, dass Freiburg ziemlich hoch über dem Oberrheingraben liegt. Immerhin: Ich musste nicht laufen.

Bildquelle: Wikipedia_Urheber_Tizianok_CC-BY.SA-3.0 (Hinter Andlau machte mein Akku schlapp, die beiden Ersatzakus verweigerten ihre Arbeit und der tonnenschwere Solarakku hatte den falschen Anschluss).



Weiter Richtung Basel und Bodensee geht es im Frühherbst!